Москва – Иркутск

Zug Nummer 81, Waggon 16, Klasse 3, Plätze 19 & 20. Das sind unsere Koordinaten für den ca. 600m langen Zug, der uns in 75 Stunden (Freitag Mittag bis Dienstag Nacht) nach Irkutsk bringen soll. Wir reisen mit ca. 80 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, 5 Zeitzonen auf 5.191 Kilometern. Was eigentlich schon fast als beliebter Klassiker unter Reisenden gilt, ist für viele Russen fast unglaublich. Sind doch 6 Stunden Flug deutlich kürzer und angenehmer als die 75 Stunden im Zug. Mikhail zum Beispiel kennt keinen Russen der diese Reise jemals unternommen hat. Auf was lassen wir uns da nur ein…?

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Eine unserer größten Befürchtungen, dass wir in einem Touristenexpress landen würden blieb zum Glück nur eine Befürchtung: Wir scheinen die zwei einzigen nicht russisch sprechenden Gäste zu sein. So kam es dann schon mal vor, dass wir versehentlich ein Service-Umfrageformular mit einem Registrierungsformular verwechselten… Egal unsere beiden Zugbegleiterinnen waren so sehr bemüht, dass sie ein paar englische Vokabeln aus dem Wörterbuch paukten und sich somit ein Lob (wir malten der Einfachheit halber ein lachendes Smilie) bei der „service quality“ auf dem Umfrageformular einheimsten.

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Und wer reist mit uns? Es sind nicht wie gedacht viele singende und sich im Dauer-Vodka-Rausch befindliche Russen… Mit uns im 54-Personen-Waggon: Eine Frauenärztin (oder Hebamme?) mit ihrer Tochter (begleitet uns ab Moskau bis Novosibirsk – Heimatbesuch), eine Oma mit ihrem Enkel (fährt sogar noch 6 Stunden weiter als wir – bis nach Ulan Ude), und ein Jura-Student (der einzige Englischsprechende in diesem Waggon, ab Ekaterinenburg bis nach Ulan Ude) und einige Soldaten (scheinbar auch unterwegs bis nach Ulan Ude).

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Mit ein bisschen Eingewöhnungszeit und viel „abgucken“ wie es die russischen Profi-Zugreisenden um uns herum taten, entwickelten wir unseren eigenen Transsib-Rhythmus: Nachts ab ca. 23.00 Uhr (Ortszeit) wurde das Licht gedimmt und mit dem gemütliche Geschaukel des Zuges schliefen wir wieder erwartend gut. Morgens war man dann erstmal beschäftigt mit dem Frühstück: Alles essbare aus dem Verpflegungsbeutel raussortieren, heißes Wasser aus dem Samowar für Tee/Milo holen, frühstücken. Einen Versuch wagen Richtung Toilette: Katzenwäsche, Zähne putzen, Deodorisieren,… Geschirr vom Frühstück spülen. Lesen oder auch sich mit Händen und Füßen versuchen zu verständigen. Bei den Stopps kurz draußen die Beine vertreten oder auch etwas riskieren und versuchen den Verpflegungsbestand aufzubessern (daher spannend, weil irgendwie nie so ganz klar ist, wann genau es weitergeht). Spielen: Uno klappt sehr gut und ohne jegliche (wörtliche) Erklärungen mit dem Mädchen vom Nachbarbett. Regelmäßig die große Russlandkarte aufklappen und versuchen zu entziffern wo wir gerade sein könnten.

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Sich mit den Mitfahrern zu den jeweiligen Reisezielen austauschen,… dazwischen mal Mittagessen, später Abendessen,… ab und zu ein Nickerchen machen oder Musik/Hörbuch hören oder lesen… und Abends noch eine Folge Sopranos auf dem Notebook schauen,… und schon ist wieder 23.00 Uhr… So vergingen die 4 Tage wie im Flug. Vor unserem Fenster wandelte sich die Landschaft von städtisch zu ländlich, von Birkenwäldern zu Wiesen, kleinere Berge, wieder Birkenwälder. Das ganze bei Sonnenschein und ab und zu ein bisschen Regen. Es ziehen Dörfchen, Städte und Bahnhöfe vorbei und Mitreisende kommen und gehen,…

 

 

Der Weg war für uns eindeutig das Ziel. Und es war ein toller Weg – viele interessante Begegnungen mit Menschen, Landschaften und russischen Leckereien. Und das andere Ziel, das Reiseziel? Irkutsk, ca. 70km vom Baikalsee entfernt, erreichten wir Dienstag Nacht um 2.50 Uhr. Und das Beste daran? Nach 4 Tagen endlich EINE DUSCHE (für Insider: sogar Hansgrohe Crometta 85!) und EIN SUPER BETT 🙂

 

Wer noch nicht die Lust am Bahnfahren verloren hat, kann hier noch die Strecke „nachfahren“ 🙂

 

 

Zug Nummer 81, Waggon 16, Klasse 3, Plätze 19 & 20. Das sind unsere Koordinaten für den ca. 600m langen…

3 Comments

  1. Mann ich krieg richtig Lust. Ich glaub ich darf hier nicht weiter lesen. Gute Reise. Gruß Andreas.

  2. Schöne und spannende Berichterstattung. Da können nicht mal meine indischen Zugreisen mithalten. Das muss ich euch mal nachmachen… Danke, ihr habt Begeisterung geweckt…

  3. Hi Jochen,
    tolle Reise die Ihr 2 da macht – da kommt Neid auf! Euer Blog hat es schon mal in meine „heiligen Lesezeichen“ geschafft – und da darf nicht jeder rein 😉
    Übrigens will ich nicht Essig in euern Tee gießen, aber Ihr hättet Schokolade von daheim mitnehmen sollen. Zumindestens zur Bestechung missliebiger Offizieller.
    Grüße aus Trier

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