Nepali Way of Life

Anfang September in Nepal: Ein letztes Aufbäumen des Monsuns – viel Regen und Gewitter lassen zwar ab und zu die Temperatur unter 30 Grad sinken, jedoch auch die Zahl der Stromausfälle hier deutlich ansteigen. Mitte September soll es hier langsam abkühlen, der Regen wird deutlich weniger werden und der nepalesische „Winter“ steht vor der Tür. Wir sind gespannt darauf!

Währenddessen in Silicon Village: In einer Nacht- & Nebelaktion hat unser Projektpartner nach dem abendlichen Dal Bhat beschlossen „Morgen geht es los, ich bringe euch 2 Schulklassen und dann fangt ihr einfach an.“ Das war vor 11 Tagen. Aufgrund fehlender Netzteile war nur ein einziger Computer funktionsfähig, nicht ausreichend Stühle vorhanden,… aber aus für uns nicht so leicht ersichtlichen Gründen musste es wohl einfach losgehen. Das scheint hier wohl so zu laufen, willkommen im „Nepali-Way-of-Life“.

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Aber, zurückblickend auf die letzten 11 Tage müssen wir auch sagen, seit hier fast jeden Nachmittag 16 Schüler auftauchen, macht unsere Arbeit viel mehr Spaß. Wir sehen, die Kinder sind alle hochmotiviert, bisher hat niemand auch nur eine Unterrichtsstunde verpasst. Und auch mit unseren wenigen Mitteln, aber unserem Wissen, können wir hier eine Menge bewegen und Begeisterung für Computer & Informationstechnologie schaffen. Unsere Schüler sind unsere neue Motivation! Und das ist ja auch das eigentliche Ziel unserer Arbeit.

Während der letzten Tage schaffen wir es dann mit viel Improvisation, alle 8 Computer einsatzfähig zu bekommen. Auch wenn unser sämtliches privates Elektro-Equipment (alle USB Kabel, Handyladegeräte, Verlängerungskabel,…) nun ebenfalls im Projekt mit verbaut sind. Es scheint hier wirklich ein ernstes Problem zu sein, ordentliche Elektronik einzukaufen. Es bestätigt sich mehrfach, dass Ware, die in China oder Indien nicht als verkaufsfähig eingestuft wird, letztendlich auf den Märkten in Nepal landet. Wir müssen einige kleinere Stromschläge in Kauf nehmen bis alles einigermaßen steht. Denn auch die Strominstallationen hier sind mehr als spektakulär (von Erdung scheinen hier nur wenige Elektriker etwas zu verstehen) und so gibt einiges hier einfach sehr zeitig den Geist auf: Diese Woche haben wir uns von einem Ladegerät, sowie Linda’s Notebook Netzteil verabschieden müssen. Das kann ja heiter werden,…

„Wenn etwas Made-in-China ist, weißt du nie, ob es morgen noch da ist“ lautet ein nepalesisches Sprichwort. Und wir haben das Gefühl, dass das nicht nur auf chinesische Waren zutrifft, sondern auf vieles im nepalesischen Alltag. Für die Menschen hier gibt es keinerlei Sicherheit für das was Morgen kommt – keine Altersvorsorge, kein Arbeitslosengeld, keine vertragliche Job-Garantie, kein Gesundheitssystem,… Inzwischen glauben wir, dass deshalb auch einige Entscheidungen weniger weitsichtig getroffen werden, da die Zukunft ohnehin unsicher ist. Und so lassen wir uns ein bisschen vom Nepai-Way-of-Life mitziehen und geben Unterricht (zwar in einem für uns nicht akzeptablen Zustand des Klassenzimmers), aber hauptsache es passiert ersteinmal was.

Stromausfall-Plan

Bei Stromausfällen improvisieren wir und setzten 8 Kinder an 1 Laptop. Im Grunde genommen benötigt unser gesamtes IT-Labor nicht mehr Strom als 4 herkömmliche 100 Watt Glühbirnen, aber auf den besagten Märkten dauert es eben auch seine Zeit, das passende Batteriesystem zu finden.

Ablenkung & Abwechslung kommt mit Besuch aus Deutschland: Jonas (Kindergarten- & Grundschulfreund von Jochen) besucht uns einige Tage. Endlich einmal ein Anreiz hier auch mal das Tourismusprogramm in Anspruch zu nehmen: Elefantenbaden, Dschungel-Safari und Kulturabend der indigenen Bevölkerung hier sind eine willkommende Abwechslung. Und auch Punam, eine 21jährige Nepalesin, die Jonas unterwegs kennengelernt hat, schließt sich uns an. Wir erfahren dadurch auch noch viele interessante und teilweise auch erschrenkende Dinge über Nepal. So wichtig Familie hier als die einzige konstante Sicherheit ist, erschreckt uns doch, dass scheinbar die Mehrheit der Familien streng (oder für unser Gefühl sogar extrem) patriarchalisch geführt werden. Der Vater entscheidet über alles: Ausbildung, Umgang mit Freunden und nicht zuletzt die Wahl des Ehepartners. Auch wenn sich das langsam wandelt und öffnet, trifft es uns dennoch schwer zu erfahren, dass unsere Freundin Punam wohl demnächst verheiratet werden soll – mit einem Mann, den sie selbst niemals heiraten würde…

Und auch das können wir leider nicht ändern. Auch wenn es in unserem Verständnis ungerecht, unfrei und unverständlich ist – alles was wir tun können ist, Punam zu erzählen wie das bei uns in Deutschland so läuft. Und das ist für sie nicht weniger schockierend: Immerhin leben wir seit 3,5 Jahren unverheiratet zusammen!!! Das wäre in Nepal nicht möglich, gesellschaftlich nicht anerkannt – was uns dazu veranlasst zukünftig einfach zu behaupten wir seien verheiratet. Eine Beziehung vor der Heirat gibt es Nepal so gut wie nicht, wenn dann nur wenige Tage zwischen Verlobung & Hochzeit. Und da wir uns ja bereits ein Zimmer neben dem Klassenzimmer teilen und somit alle Schüler Bescheid wissen, scheint uns unsere Schein-Heirat eine einfache Alternative um dem Dorftratsch aus dem Weg zu gehen.

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Anfang September in Nepal: Ein letztes Aufbäumen des Monsuns – viel Regen und Gewitter lassen zwar ab und zu die…

3 Comments

  1. Mal wieder sehr interessant und unterhaltsam – der Part mit „Linda+Jochen Geiser“ gefällt mir besonders 😀 Freue mich mit euch über eure kleinen aber feinen Erfolge! Liebe Grüße aus dem sonnigen VS, tina

  2. Jochen, frag einfach 😀 Ich überleg mir dann so lang schon mal was wir euch schenken können, lach 😀 Viele liebe Grüße von Kaba 😀

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