Was folgte auf den Gurung Heritage Trail? Nach dem bis dahin heftigsten Tagesmarsch (Bhujung 1625m – Nayun 2000m – Khudi 790m), taten uns erstmals richtig die Waden weh. Und das gleich für 3 Tage. Aua. Langsam gewöhnten wir uns wieder daran, auch westliche Trekker zu treffen. Die meisten starten in Besisahar, d.h. wenn wir sie in Khudi treffen sind sie maximal einen Tag bisher unterwegs. Ihre Stöcke sehen wie Fremdkörper aus, die Rucksäcke unbequem und unhandlich und schwitzen tun sie auch. Also gar nicht so anders wie wir vor 6 Tagen 🙂 Es gibt natürlich auch die professionellen Trekker die höchstwahrscheinlich einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen werden, sowie diejenigen die zumindest teuer und professionell angezogen sind. Aber alles in allem stellen wir fest, obwohl untrainiert angetreten – sooo langsam sind wir gar nicht.
Über Ghermu (1100m), Tal (1700m) und Timang (2750m) nähern wir uns immer weiter den schneebedeckten Bergen. Sagenhafte Ausblicke, anspruchsvolle Etappen, sich langsam wandelnde Landschaften und Temperaturen. Wir müssen zugeben, die klassische Annapurna-Umrundung ist nach wie vor wirklich wunderschön. Keine Wolke trübt den Himmel über uns. Und unfassbar: Es sind sehr wenige Trekker unterwegs. Ob es am 10-tägigen Generalstreik liegt, der hier vor der Wahl durch die Maoisten „veranstaltet“ wird? Oder ist es einfach schon später in der Saison? Wie auch immer. Wir genießen ruhige Lodges, keine Zimmerengpässe und allgemeine Gelassenheit.
Ab 3.000m Höhe wird es interessant. Viele Geschichten und Gerüchte um die Höhenkrankheit sind uns schon zu Ohren gekommen und so lassen wir es ab sofort langsam angehen. Upper Pisang (3300m) und die Höhenroute über Ghyaru (3670m), Ngawal (3760m) nach Manang (3500m) sollen perfekt sein zur Akklimatisation. Aber 350m Höhenunterschied auf einer 1,5 Stündigen Strecke zu bewältigen, und das direkt nach dem Frühstück – das soll gesund sein??? Auf jedenfall werden wir durch sagenhafte Aussicht und erste Begegnungen mit Yaks belohnt. Sehr misstrauische Tiere, die einen wie spanische Stiere anschnauben und nie aus den Augen lassen. Aber sie passen einfach super in die immer karger werdende Landschaft, auch wenn ihr Fleisch (wie wir später feststellen), trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) des vielen Bergsports sehr zäh ist.
Manang wird unser erstes und einziges Dorf mit Unterkunftsproblemen bleiben. Aber nicht die Trekker sind schuld, die hier fast alle einen Akklimatisationstag einlegen auf 3.500m Höhe. Nein, es sind die Nepalesen, die angereist sind um in ihrer Heimat die Stimme zur Wahl abzugeben. Jeder Nepali reist dazu in seinen Heimatbezirk! Manche sind mehrere Tage zu Fuß unterwegs, um zu wählen. Das Land scheint durch Streik und Wahl lahmgelegt – ein Glück bekommen wir davon in den Bergen nicht viel mit. Und 2 Israelis und ein Slovake retten und aus der Zimmernot und bieten uns freie Betten in ihrem 6er Zimmer an, Glück gehabt.
Von Manang aus starten wir auch zum gigantisch schönen, aber auch sehr anstrengenden Sidetrip (ein Weg der von der eigentlichen Route abweicht – wieder mal eines dieses Wörter) zum Tilicho See. Dem höchsten See Nepals, auf einer Höhe von ca. 5.200m.
Zurück auf der Hauptroute, befinden wir uns ab Yak Karka nun wirklich im Endspurt. Und das ist auch gut so, denn solangsam setzt bei uns die Trekking-Müdigkeit ein: Wir sehnen uns nach warmem Wasser, diversen Lebensmitteln, modernen Kommunikationsmitteln wie z.B. endlich mal wieder Handyempfang,…
Aber vor uns liegen noch 2 sehr anspruchsvolle Tage: Von Yak Karka (4.050m) ins High Camp (4.800m), und dann über den Thorung La Pass (5.416m) nach Muktinath (3.800m)! Und vor allem die Strecke bis zum Pass ist leider absolut kein Spaziergang – trotz unseres Abstechers zum Tilicho-See müssen wir hier richtig kämpfen. Es ist richtig kalt, als wir um 6.30 Uhr im High Camp aufbrechen. Die Luft wird dünner und dünner – wir sind nur noch mit uns selbst beschäftigt: Ein Schritt nach dem anderen, bei jedem Schritt tief ein- und ausatmen, den Körper beobachten. Von Zeit zu Zeit sieht man Spuren von überanstrengten oder höhenkranken Menschen im Schnee (scheinbar mussten sich hier schon einige Wanderer vor uns übergeben…). Langsam wird es hell und erst als wir nach ca. einer Stunde in der Sonne ankommen, eine kleine Pause einlegen, können wir die Aussicht genießen: So hoch oben gibt es plötzlich nicht mehr viele höhere Berge um uns. Adler und Krähen schweben lautlos durch die Lüfte und werfen ihre Schatten in den Schnee. Esel-Karawanen ziehen an uns vorrüber, manche gabeln auch den ein oder anderen Wanderer auf, der sich dann doch lieber zum Pass tragen lässt. Zu unserer Überraschung stellen wir fest, dass Esel und Pferden die Kälte und Höhe allerdings auch zu schaffen macht – sie pumpen schnaubend weiße Wölckchen lautstark aus ihren Nasen.
Und dann sind wir da. Die letzte halbe Stunde geht es mehr oder weniger flach zum Pass: Ein Teehaus, ein Schild und hunderte von Gebetsfahnen wehen im starken Wind in der Sonne. Bisher konnten wir es nicht so richtig nachvollziehen, warum alle so begeistert von diesem Pass erzählen – jetzt müssen wir aber zugeben, es war ein richtig emotionaler Moment. Jeder freut sich mit jedem es geschafft zu haben. Ein älterer Mann schreit, lacht und legt sich jubelnd in den Schnee. Ein Ehepaar schreitet langsam Hand in Hand über den Pass. Bilder werden gemacht. Gebetsfahnen aufgehängt.
Auch wir genießen für eine dreiviertel Stunde diese Atmosphäre, hängen unsere Gebetsfahnen auf – die wir symbolisch mit den Namen unserer Eltern, Geschwister sowie unseren eigenen beschriftet haben – so waren Familie Gaiser und Gruber nun mit auf unserem bisher höchsten Punkt.
Der Abstieg ist fast entspannend nach sovielen Tagen und Wochen bergauf. Die Landschaft ist eine komplett andere – jetzt befinden wir uns in Mustang: Karge Landschaften, gewaltige Felsformationen und kilometerweite Sicht. Und sogar unser Handy empfängt wieder Netz! Von 5.416m auf 3.800m abzusteigen war dann nach ein-zwei Stunden doch auch anstrengend und unsere Knie waren sicherlich sehr froh nachmittags um 15.30Uhr dann endlich in Muktinath angekommen zu sein. Nach 5 Tagen ohne Dusche (kaum Wasser da alles eingefrohren) genossen wir dort die sicherlich beste und erholsamste Dusche. Auch wenn man sich so dreckig fühlt, dass man mit einer Dusche wahrscheinlich noch gar nicht richtig sauber ist 🙂 An diesem Abend ist die Dusche das Hauptgesprächsthema im Gastraum: Vor allem die maximale Wassertemperatur, die man mit der komplizierten Gas-Dusche erreicht hatte war ein warer Wettstreit.
Unsere letzte Etappe führte uns dann noch in das schöne Dorf Kagbeni und am folgenden morgen dann in aller Früh nach Jomsom, um dort den Bus zurück nach Pokhara zu bekommen. Um 5 Uhr sind wir mit Stirnlampen losgerannt, um durch die Dunkelheit rechtzeitig zum Buspark nach Jomsom zu kommen – wir hatten jetzt einfach genug – 21 Tage waren wir unterwegs. Wir haben so viele schöne Etappen erwandert, Aussichten genossen, interessante Leute kennengelernt, perfektes Wetter genossen. Jetzt wollten wir einfach nur noch „heim“ in die Zivilisation. Diese Wanderung werden wir sicherlich nie vergessen und gehören nun auch zu den Annapurna-Schwärmern, die wir bis vor kurzem noch ein wenig belächelt haben 🙂
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